Baggenstos/Rudolf

Der Geist des Waldes wacht

First published 2024-03-14 14:15

Photography




Der Geist des Waldes wacht

Fotografie / Pigmentdruck / Holzrahmen / 61cm x 92cm / 2024


Eines Nachts kauerten wir im Wald, mitten unter Zweigen im grössten Dickicht. Der Mond war noch nicht aufgegangen und unsere Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit. Da sahen wir neben uns ein leuchtendes Blatt.* Das beunruhigte uns aber nicht, denn wir kannten die leuchtenden Blätter. Plötzlich bemerkten wir, dass nicht nur eines leuchtete, dass es ganz viele wahren, dass der ganze Boden um uns herum mit all seinen Blättern märchenhaft leuchtete. Wir „lagen“ mitten auf einem Teppich aus Blättern, die ein weiches Licht um uns herum verströmten. Die Nacht war still. Der Wald schlief in den Schwarztönen der Nacht.

Vor über hundert Jahren machte der Maler Paul Gauguin während seines Aufenthaltes in Tahiti eine ähnliche Erfahrung. Im Buch Noa Noa 1 berichtete er von den eigenen Erlebnissen mit nächtlichen Lichterscheinungen und thematisierte diese in dem Gemälde Manao Tupapau.2
Unsere Erlebnisse wiesen etliche Parallelen zu denen Gauguins auf. Darum wollten wir seine Anlagen weiterschreiben, sie aber gleichzeitig in unseren Kulturraum des 21ten Jahrhunderts transferieren und die eigenen Erfahrungen und Empfindungen mit einbinden.

Für das indigene Volk Tahitis des späten 19ten Jahrhunderts stellten nächtliche Leuchtphänomene Erscheinungen von Geister dar, Seelen ihrer Ahnen, die sich bemerkbar machten. Sie fürchteten sich eher vor ihnen. Gauguin wusste, dass das Licht von einem biolumineszenten3 Pilz herrührte und nicht von Geister der Toten, was sie ihm aber nicht glauben wollten.4 Wir sind denselben „Geistern“ begegnet und wissen um die Biolumineszenz von Pilzmyzel, welches leuchtende Laubblätter bewirken kann. Es handelt sich um einen Organismus der das Licht verursacht. Für uns sind die Lichterscheinungen keine Erscheinung von Geistern, sondern die Erscheinung von Lebewesen.
Die Person in unserer Fotografie «Der Geist des Waldes wacht» ist nicht erschreckt wie die Figur in Manao Tupapau, sie ist sich aber den gleichen Leuchterscheinungen5 bewusst. Sie lauscht der Nacht und liegt in der Dunkelheit auf dem Boden, inmitten der leuchtenden Blätter. Sie denkt an den Wald und der Wald denkt an sie.




1 Im Buch Noa Noa von Paul Gauguin schildert der Künstler folgende Szene: „Schwarze Nacht: unmöglich, etwas zu sehen. Ein phosphoreszierender Staub in der Nähe meines Kopfes beunruhigte mich sehr, und ich lächelte, als ich an die guten Maori dachte, die mir zuvor diese Geschichten von den tupapau erzählt hatten. Später erfuhr ich, dass dieser leuchtende Staub ein kleiner Pilz war, der an feuchten Orten auf abgestorbenen Zweigen wächst wie jenen, die ich zum Feuermachen benutzt hatte.“
Aus: Paul Gauguin Noa Noa 1897, Herausgeber: Prof. Pierre Petit, Metamorphosis Verlag. S.43

2 Manaò tupapaú (Spirit of the Dead Watching), 1892, oil on jute mounted on canvas.

3 Bei Biolumineszenz erzeugt ein lebender Organismus selbst eigenes Licht, im Gegensatz zur Fluoreszenz, bei welcher eine Anregung mit Licht (meist UV-Licht) Ursache der Lichtemission ist.

4 Gauguin ging es weniger um die Geister, oder die Leuchterscheinungen an sich, als vielmehr um die Verwobenheit der Menschen mit den Leuchtphänomenen, ihr gedenken und in Bezug stehen. Das legt bereits der Titel Manao Tupapau und Gauguins Erklärungen dazu nahe: „Der vollständige Titel des Bildes, das von 1892 stammt, lautet Manao tupapau. Eine treffende Übersetzung ist äusserst schwierig, weil die beiden Wörter nicht miteinander verbunden sind: „Gedanken“ und „Geist“. Gauguin hatte vorgeschlagen: „ Sie denkt an den Geist“ und „Der Geist wacht über sie“. Doch in seinem Cahier pour Aline (Gauguin, 1963) schreibt er in einer Analyse des Bildes (S.16 des Manuskripts): „Der Titel Manao Tupapau hat zwei Bedeutungen.
GedankeGeist. Entweder denkt sie an den Geist, oder der Geist denkt an sie.“
Glaube
Aus: Paul Gauguin Noa Noa 1897, Herausgeber: Prof. Pierre Petit, Metamorphosis Verlag. Anmerkung 1. S.57

5 Gauguin weist in einer Bildbeschreibung auf die Leuchterscheinungen hin: „Es gibt im Hintergrund ein paar Blumen, aber sie dürfen nicht wirklich sein, da sie erdacht sind, ich lasse sie Funkeln gleichen. Für die Kanaken [sic!] gehören die Phosphoreszenzen der Nacht dem Geist der Toten an, sie glauben daran und haben Angst davor.“ „Fassen wir zusammen. Musikalischer Teil: geschwungene horizontale Linien; Akkord von Orange und Blau, die durch verschiedene Gelb und Violett verbunden werden; abgeleitete Töne von grünlichen Funken erhellt. Literarischer Teil: der Geist einer Lebenden mit dem Geist der Toten verbunden.“
Aus: Paul Gauguin, Michel Hoog, Hirmer Verlag, 1987. S.182